Erzählt von der Main-Post

16. März 1945 Bombenangriff auf Würzburg

16. März 1945 Bombenangriff auf Würzburg von Main-Post

Dieses Projekt beschreibt den 16. und 17. März des Jahres 1945 in Würzburg. Am Beispiel von fünf Hauptpersonen begleiten wir die Würzburger durch den Feuersturm, der sich ins kollektive Gedächtnis der unterfränkischen Stadt eingraben wird.

Die fünf Protagonisten:

Würzburg vor dem Angriff

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GEORG GÖTZ

Es ist noch dunkel, als Betti Götz am 16. März 1945 um 6 Uhr ihren neunjährigen Sohn Georg weckt.

Die Nacht hat er mit Mutter und Großvater in dessen Garten am Oberen Schalksberg in de­­­­r Nähe des Bismarckwäldchens verbracht. Seitdem Bomben am 23. Februar 1945 auch Grombühl getroffen und viele Menschen getötet haben, geht es jeden Nachmittag hinauf in die Höhe und am Morgen, nach der Übernachtung im Gartenhaus, wieder hinunter in die Stadt.

Seit dem 12. März ist Georg Götz Ministrant in der Josefskirche. Anfangs war er aufgeregt. Doch jetzt, nach viermaligem Dienst am Altar, weiß er, was von ihm erwartet wird. Pfarrer August Burk hat ihn auch am 16. März für den Morgengottesdienst um 7 Uhr eingeteilt. Er eilt den Berg hinunter, um rechtzeitig zum Ankleiden in der Sakristei zu sein. Alles klappt.

Nach dem Gottesdienst geht es in die Wohnung in der Petrinistraße 11 zur Mutter, die inzwischen das Frühstück vorbereitet hat, anschließend in die Pestalozzischule. Von Unterricht kann nicht mehr gesprochen werden. Georg Götz: „In unserer Klasse waren schon seit geraumer Zeit viele Plätze leer. Manche Schulkameraden befanden sich mit ihren Eltern nicht mehr in Würzburg, sondern bei Verwandten außerhalb der Stadt. Für die wenigen Schüler gab es nur neue Hausaufgaben und die alten von gestern wurden durchgesehen.“

Im März 1945 ist das architektonische Gesamtkunstwerk Würzburg noch weitgehend intakt. Ein „nach Norden verirrtes Florenz“ hat der französische Dichter Paul Claudel die Stadt genannt. Historische Fotos zeigen kontrastreiche Fassaden, ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten, eine geradezu südländische Leichtigkeit.

Würzburg vor dem Angriff

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CHARLOTTE AMBROSCH

Um 8 Uhr steht die 23-jährige Charlotte Ambrosch an diesem Freitag auf. Sie blickt aus dem Fenster und sieht, dass ein wunderbarer Märztag begonnen hat; keine Wolke steht am Himmel. Charlotte wohnt im Haus Petrinstraße 9, direkt neben Georg Götz und seiner Mutter, die zu diesem Zeitpunkt gerade frühstücken. Sie ist todmüde, denn letzte Nacht hat sie Dienst gehabt im Bischofspalais in der Herrnstraße, wo im Keller das „Warnkommando Würzburg“ seinen Sitz hat.

Ein Bekannter, der sich als Verwundeter in der Stadt aufhält, holt sie ab: „Er schellt, ich rufe vom dritten Stock aus hinunter, dass ich gleich komme. Aber bis ich mich versehe, steht er oben vor unserer Eingangstür. Ich bin sehr böse deshalb, denn ich bin noch ein junges unverheiratetes hübsches Mädchen und allein zu Hause und habe auf meinen Ruf zu achten. Er geht ganz einfach darüber hinweg und es sieht aus, als würde er sich über mich auch noch lustig machen.“

Das unzerstörte Würzburg 1942

Gegen 9 Uhr verlässt sie die Wohnung, um eine kleine Radtour zu machen. Es ist einfach zu schön, um zu Hause zu bleiben. „Wenn ich nicht zugesagt hätte, wäre ich bestimmt nicht mitgefahren“, notiert sie. „Denn ich bin so unheimlich müde, so müde, dass mir jede Umdrehung meines Pedals zu viel wird.“ Der Weg führt durch eine Stadt, die es am Abend nicht mehr geben wird: durch die Ludwigstraße, an der Residenz vorbei, am Ringpark entlang und über die Löwenbrücke nach Heidingsfeld, dann weiter nach Rottenbauer und auf Umwegen zum Forsthaus Guttenberg. „Leider habe ich keine Freude, mir ist alles zu viel und endlich, nach einer kleinen Brotzeit, schlafe ich sofort auf dem blanken Boden ein, der Tag ist ja so schön und warm und der Boden ist gar nicht kalt.“

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WERNER FUCHS

Werner Fuchs ist 14 Jahre alt. Der Zellerauer besucht die Oberrealschule, das heutige Röntgen-Gymnasium, doch am 16. März findet auch dort schon kein geordneter Unterricht mehr statt. Wie alle Jungen seines Alters gehört er gezwungenermaßen dem „Jungvolk“ an, der NS-Organisation für 10- bis 14-jährige Buben. Seine Eltern, beide überzeugte Nazigegner, sind entsetzt, als er zum „Zugführer“ im Jungvolk befördert wird.

Am Morgen des 16. März ist auch Werner Fuchs müde. Am Tag zuvor haben er und die anderen Jungvolk-Mitglieder aus einer Anstaltsküche in der Augustinerstraße mit einem vierrädrigen Handkarren wieder warmes Essen und belegte Brote geholt und zum Bahnhof gebracht. Dort ist es von Rotkreuz-Schwestern an Flüchtlinge verteilt worden, die in immer größerer Zahl nach Würzburg kommen. Die Buben arbeiten oft bis spät in die Nacht, befördern auch Gepäck für Frauen und Kinder, die in einem Heim in der Bahnhofstraße für die Nacht Unterkunft finden.

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Hans-Portrait
HANS SCHWABACHER

Zwei Jahre jünger als Werner Fuchs ist Hans Schwabacher. Doch das ist nicht der einzige Unterschied. Hans trägt den gelben Judenstern und steht – wie seine Geschwister Michael (13) und Thomas (9) – unter ständiger Beobachtung der Würzburger Gestapo. Die drei Buben haben einen jüdischen Vater und eine Mutter, die zwar bei der Hochzeit zum Judentum übergetreten ist, aber von den Nazis als „Arierin“ betrachtete wird, weil sie lauter katholische Vorfahren hat.

Hans und seine Brüder sind in der Nazisprache „Mischlinge“, und wie alle „Mischlinge“ müssen sie im Haus Domerschulstraße 25 wohnen, direkt neben der Synagoge, die am 10. November 1938 verwüstet und anschließend in eine städtische Handwerkerschule umgewandelt worden ist. Als sie am Morgen des 16. März 1945 aufstehen, haben die Brüder schlecht geschlafen. In dem völlig überfüllten Haus, in dem es keine funktionierende Heizung gibt, steht nur ein einziges Bett für die drei zur Verfügung; die sanitären Verhältnisse sind katastrophal, Läuse plagen die Bewohner.

Hans und seine Brüder haben schlimme Verluste erlebt. 1939 hat der Vater auf Druck der Gestapo Deutschland verlassen müssen; er ist erst nach England, dann in die USA ausgewandert. Die schwer lungenkranke Mutter Else Schwabacher erhielt keine Einreiseerlaubnis in die USA und musste mit den Kindern in Würzburg bleiben; immer wieder verbringt sie längere Zeit in Sanatorien und kann dann nicht für ihre Söhne sorgen. In diesen Phasen kümmert sich die etwa 60-jährige Ancilla Nunn, eine ehemalige Ebracher Schwester, um die Buben. Ebenso Anni Popp, die spätere Chefin der Weinstube Popp, die selbst fünf Kinder hat.

Hans hat miterlebt, wie Verwandte, darunter seine Großmutter Anna, sein Onkel Anton und seine Tante Dora, ebenso wie seine jüdischen Freunde, spurlos verschwanden; dass sie alle ermordet wurden, weiß er nicht. Aber er spürt, dass sein Leben und das seiner Brüder in größter Gefahr ist. In seiner Autobiographie „Remembering“ schreibt er 2003: „Wohin gingen sie? Mutter sagte, sie würden ‚in den Osten umgesiedelt’, wo sie sicher seien, aber tatsächlich jagte die Gestapo Juden systematisch und deportierte sie in Arbeits- oder Konzentrationslager. Schließlich lag ja auch Auschwitz ‚im Osten’. Obwohl wir keine Einzelheiten kannten, wussten meine Brüder und ich, dass wir nicht sicher waren. Wir stellten uns nicht vor, dass wir getötet würden. Aber wir stellten uns vor, dass wir verschwinden würden wie viele Freunde und Verwandte. Ständig erwarteten wir, dass die Nazis mit ihren großen Autos kommen und uns mitnehmen, wir hatten es so oft gesehen.“

Dass ihr Leben auf ganz andere Weise in Gefahr ist, können sich Hans, Michael und Thomas Schwabacher an diesem sonnigen Märzmorgen nicht vorstellen.

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Die 20-jährige Ortrun Koerber wacht am Morgen des 16. März in einer kleinen Holzhütte am Oberen Dallenbergweg auf; die Hütte gehört einem Freund der Familie. Die junge Frau hat im Jahr zuvor das Abitur an der Mozartschule abgelegt und ist danach zwangsweise in der Granatenproduktion bei der Firma Koenig & Bauer eingesetzt worden. Dort hat sie sich in den ebenfalls hier arbeitenden italienischen Kriegsgefangenen Carlo verliebt. Ende Januar ist der Vater Josef Koerber mit anderen Würzburger „Volkssturm“-Männern an die Ostfront geschickt worden.

Nachdem Würzburg am 19. und 23. Februar bombardiert wurde, wobei mehrere Hundert Menschen starben, haben Ortrun, ihre Mutter Louise Koerber und ihre Schwestern Ingrid und Ingeborg in der zweiten Märzwoche beschlossen, die Wohnung am Wittelsbacherplatz zeitweise zu verlassen und die Nächte in der Hütte außerhalb der Stadt zu verbringen. Mit dabei sind Carlo, Ingeborgs Freundin Rosita und der Familienhund Wuffi.

Ortrun Koerber und die anderen Bewohner der Hütte am Oberen Dallenbergweg bereiten das Mittagessen auf einem improvisierten Herd im Obstgarten zu und suchen dann zusätzliches trockenes Holz für das Feuer. Auch neues Wasser wird gebraucht, im Garten gibt es keine Leitung. In einer Pause setzt sich Ortrun hin und schreibt in ihr Tagebuch: „Wenn wir Wasser holen wollen, müssen wir eine halbe Stunde gehen. Mitten im Wald ist eine kleine Quelle und ich mag den Weg dorthin. Weniger angenehm ist es allerdings, die schweren Eimer zurück zu schleppen.“

„Heute haben wir den Krieg fast vergessen“, schreibt die 20-Jährige weiter. „Es ist, als ob wir ein Picknick machen würden. Vielleicht ist der Krieg vorbei und wir wissen es nicht.“

Heute haben wir den Krieg fast vergessen. Ortrun Koerber

Etwa 110.000 Einwohner hat Würzburg am 16. März 1945, dazu leben rund 20.000 Insassen von Lazaretten und Kasernen in der Stadt, etwa 10.000 Evakuierte aus bombardierten Großstädten und eine unbekannte Anzahl von Flüchtlingen aus Gebieten, die die Alliierten bereits besetzt haben.
Das kulturelle Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen, das Theater hat geschlossen, viele Menschen hungern, oft verlassen sie wie Georg Götz und Ortrun Koerber nachts aus Angst vor Bomben die Stadt, Gas- und Stromsperren sind an der Tagesordnung.

Der 16. März 1945 ist ein wolkenloser Frühlingstag – ideal für einen Bombenangriff. Es ist so warm, dass die Mädchen ihre Sommerkleider und die Buben ihre kurzen Hosen anziehen. Der Heeresbericht, der an diesem Tag in der Mainfränkischen Zeitung abgedruckt ist, soll Hoffnung verbreiten, obwohl jeder weiß, dass Deutschland den Krieg längst verloren hat. Von der erfolgreichen Verteidigung Breslaus ist im Heeresbericht die Rede, vom hervorragenden Kampfgeist der Infanterie und von Gegenangriffen, aber auch von „feindlichem Bombenterror“ und amerikanischen Einbrüchen bei Remagen. In den fünf Würzburger Kinos laufen banale Unterhaltungsfilme, darunter im Odeon „Musik in Salzburg“ mit Lil Dagover und Willy Birgel, eine heitere Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Salzburger Festspiele.

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Avro Lancaster und Havilland Mosquito

Als am Morgen des 16. März 1945 in England die Koordinaten festgelegt werden, anhand derer am Abend über Würzburg die Zielmarkierungen für die Bomber platziert werden, lassen die Planer so gut wie alle Industriegebiete, Infrastruktur-Einrichtungen (außer dem am 23. Februar zerstörten Hauptbahnhof) und sämtliche Militärinstallationen unberücksichtigt. Und dies, obwohl offiziell von der Zerstörung eines Industriezentrum bzw. feindlicher Kommunikations-Einrichtungen die Rede ist. Tatsächlich sollen vor allem die historische Innenstadt und angrenzende Wohngebiete vernichtet werden. Einige der zunächst verschonten Bereiche, vor allem die an Kasernen reiche Zellerau, werden später die Amerikaner bombardieren, die meist Präzisionsangriffe bei Tage durchführen.

Die Würzburger ahnen an diesem Vormittag des 16. März 1945 nicht, dass der Untergang ihrer Stadt bereits beschlossene Sache ist.

Manche klammern sich noch immer an den Glauben, die Stadt werde verschont, weil sich so viele Lazarette in ihren Mauern befinden. Dies trifft zwar zu, ist aber kein Grund für die Alliierten, Würzburg nicht zu bombardieren. In der Stadt geht auch das Gerücht herum, der britischen Premierminister Winston Churchill habe in Würzburg studiert; das stimmt nicht. Und auch dass es in der Stadt keine nennenswerte Industrie gibt, ist, wenn man genauer hinsieht, nicht ganz richtig.

Die wichtigsten Bombenangriffe auf Würzburg

Tatsächlich aber ist mit der Errichtung eines Zweigwerkes der Schweinfurter Star Kugelhalter GmbH im Opel-Betrieb in der Eichendorffstraße eine kriegswichtige Produktionsstätte entstanden, was unter den Bürgern beträchtliche Unruhe ausgelöst hat. Im November 1943 hatte Oberbürgermeister Theo Memmel versucht, die Würzburger zu beruhigen. Dies werde der einzige Fall bleiben, der zudem nur vorübergehender Natur sei, hatte er gesagt. Im Rahmen des „totalen Kriegs“ mussten Würzburger Firmen ihre Kapazitäten zur Verfügung stellen. Bei der Stahlbaufirma Noell entstehen Teile von U-Booten; die Schnellpressen-Fabrik Koenig & Bauer repariert nach jedem Angriff auf Schweinfurt die dort beschädigten Kugellagermaschinen und produziert Granaten. Städtische Betriebe, die Stadtwerke, der Schlachthof und der Holzhof, werden zu Rüstungszwecken freigegeben, hauptsächlich zum Abfüllen von Munition. Dennoch hat sich Würzburg nicht zu einem wirklichen Rüstungszentrum entwickelt.

Allerdings ist die Stadt ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt mit einem Binnenhafen, in dem im Jahr 1943 beinahe eine Million Tonnen Güter – Kohle, Erze, Getreide, Baumaterialien und Lebensmittel – umgeschlagen werden. Der seit 1935 ausgebaute Fliegerhorst am Galgenberg dient als Versuchsstation der Luftwaffe; in den vier gigantischen Hangars werden beschädigte Flugzeuge repariert. Von militärischer Bedeutung sind auch die Kaserne des 55. Infanterieregimentes, die daneben liegende Artilleriekaserne, die Kaserne einer Heeresnachrichteneinheit und die Hindenburg-Kaserne.

Am 21. Juli 1944 sowie am 19. und 23. Februar 1945 haben die Würzburger Bombenangriffe auf die Innenstadt, den Hauptbahnhof und Grombühl erlebt, bei denen mehrere Hundert Menschen gestorben sind. Der 15-jährige Fritz Schäffer, Schüler an der Lehrerbildungsanstalt am Wittelsbacherplatz, hat am 19. und 23. Februar an Rettungseinsätzen teilgenommen und das Chaos, das die Bomben schon damals auslösten, hautnah erlebt.

Bombardierung am 19. Februar 1945

Anderseits wissen die Würzburger, dass Maßnahmen ergriffen worden sind, um die Bewohner bei Bombenangriffen zu schützen, auch wenn sie natürlich, wie die letzten Tage gezeigt haben, keine völlige Sicherheit bieten können.

Die Würzburger Luftschutzleitung und die Stadtverwaltung sind durchaus auf einen Großangriff, wenn auch nicht auf die totale Zerstörung der Stadt vorbereitet. Um Fluchtwege aus der eng bebauten Innenstadt zum Main zu schaffen, sind zum Main hin mehrere Durchbrüche geschaffen worden. Neben dem Holztor verschwand beispielsweise eine Stallung und neben dem Hotel Schwan (heute Wöhrl) in der Büttnergasse ein kleines Haus. Diese Mauerdurchbrüche erweisen sich ebenso wie jene zwischen den Kellern der Privathäuser der Innenstadt in der Nacht des 16. März 1945 für Tausende als rettender Fluchtweg.

Weil die Stadt nicht als besonders luftgefährdet gilt, bestanden die behördlichen Vorkehrungen vor allem im Bau und Ausbau von Luftschutzkellern in Privathäusern und Amtsgebäuden. Unter dem Marktplatz und dem Sternplatz, bei der Tellsteige, unter dem Kriegerdenkmal im Husarenwäldchen, in den Bastionsmauern im Hofgarten und an der Jahnhöhe in Heidingsfeld befinden sich zudem öffentliche Schutzräume. In einige Felsen sind Stollen gebohrt worden. Am 16. März 1945 sind sie nicht fertig, aber teilweise benutzbar: in der Füchsleinstraße, in der Mergentheimer Straße bei der Löwenbrücke und an der Veitshöchheimer Straße.

Bunker und Schutzräume

Auch dass ein Angriff gewaltige Lösch-Anstrengungen nötig machen wird, wissen die Verantwortlichen. Zur Verbesserung der Wasserversorgung sind Löschwasserbehälter entstanden, zum Beispiel ein unterirdischer am Residenzplatz sowie überirdische an Marktplatz, Wagnerplatz, Paradeplatz, Dominikanerplatz, an verschiedenen Stellen im Glacis, am Zeller Tor, vor dem Luitpoldkrankenhaus, vor der Stephanskirche, in der Sedanstraße und der Weißenburgstraße.

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Löschwasserteich hinter dem Dom.

Ihre Bewährung erleben diese Behälter am 16. März „zwar nicht im Sinne ihrer eigentlichen Bestimmung zum Löschen von Bränden, sondern als Oasen im Feuersturm, zu denen sich die gejagten Menschen flüchteten, um Haut und Kleidung zu kühlen oder Decken und Mäntel voll Wasser saugen zu lassen und damit den Weg ins Freie zu erkämpfen” (Max Domarus).

Dass Luftschutzkeller, öffentliche Schutzräume und Löschwasserbehälter im Fall eines Großangriffs nicht ausreichen werden, ist dem Durchschnitts-Würzburger wohl nicht bewusst. Ein Mann freilich hat das Chaos und den vieltausendfachen Tod des 16. März 1945 vorhergesehen: der 69-jährige pensionierte Telegraphendirektor Matthäus Schleypen. Am 31. August 1944 hat er einen Brief an die für den Luftschutz zuständigen Würzburger Behörden geschickt:

Die Prophezeiung des Matthäus Schleypen

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GEORG GÖTZ

Am 16. März ist es inzwischen Nachmittag. Der neunjährige Georg Götz ist ins Wohnzimmer geschickt worden, denn die Mutter braucht die Küche für sich, um neue Papierhemden für die Firma Schlier zuzuschneiden und zu nähen. Er setzt sich an den Schreibtisch seines toten Vaters: „Leider konnte ich ihn nicht kennenlernen, da er sechs Wochen vor meiner Geburt an Lungen- und Rippenfellentzündung gestorben war“, berichtet er später. „Hier saß ich nun und kramte in der oberen Schublade. Die goldene Sprungdeckeluhr von Papa lag in einem Etui. Ich nahm sie heraus und ging in die Küche. Meine Mutter erlaubte mir, die Uhr mit in den Garten zu nehmen. Ich war mächtig stolz und ließ mir die Kette an meiner Hose festmachen. Es war wunderschönes Wetter, als wir zum Garten aufbrachen.“

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CHARLOTTE AMBROSCH

Nach einigen Stunden beim Forsthaus Guttenberg drängt Charlotte Ambrosch zum Aufbruch. Sie hat an diesem Tag Nachtdienst im „Warnkommando Würzburg“ und der beginnt um 19 Uhr. Zuvor muss sie noch einmal zurück in die Wohnung. „Wir fahren über den Dallenberg zurück an diesem Tag, der voller Sonne, Wärme und Helligkeit ist. Ein Blick ins Tal, ein Blick auf unser Würzburg: Gibt es etwas Schöneres? Ich bin überwältigt und steige vom Rad ab; mein Begleiter schüttelt den Kopf: Warum absteigen, wenn es schon bergab geht? Aber er muss wohl und ich zeige ins Tal, auf den Main, auf die Sanderau, weiter auf die vielen Türme und bin ganz entzückt – damals hat er bestimmt an meinem Verstand gezweifelt –, denn ich war auf einmal so gelöst, so voller Freude wie den ganzen Tag nicht und ich war so stolz auf meine Heimatstadt. Lange habe ich geschaut, zu lange. War das Vorahnung?“

Viele Würzburger hoffen noch immer, dass Würzburg auch an diesem Tag vor einem Großangriff verschont bleiben wird. Ob einer von ihnen zurückdenkt an die Jubelartikel, die 1940 im „Würzburger General-Anzeiger“ erschienen sind, als die deutsche Luftwaffe England angriff und viele Menschen umkamen?

Wohl kaum. Das eigene Überleben bis zum Ende des Krieges, bis zur unausweichlichen Niederlage, steht im Mittelpunkt, das ist verständlich.

1940 hatte Hitler befohlen, englische Städte in Schutt und Asche zu legen. Der „Würzburger General-Anzeiger“ meldete im August 1940 triumphierend, dass eine „fürchterliche Angstwelle“ England erfasst habe: „Tag für Tag blieben stundenlang und leichenblass die Menschen in den Luftschutzkeller gebannt. Entsetzliche Explosionen, das Krachen der Geschütze und der Donner der Motoren erfüllten die Luft, es war die Hölle.“

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Würzburger General-Anzeiger

Ein Kriegsberichterstatter schilderte den Brand von London aus der Beobachtungskanzel eines deutschen Bombers: „Die Hölle ist unter uns ausgebrochen. Wer beim Angriff in diesem zur Brandhölle entfachten Teil angetroffen wurde, ist – gleichgültig ob im Keller, auf dem Dach, auf der Straße, im Hafen oder an der Maschine – rettungslos verloren. In diesem glühenden Chaos ist nichts mehr zu helfen.“ Das Flugzeug lasse beim Rückflug „ein Meer des Grauens, eine lodernde Schuttwüste“ hinter sich.

Dass Zivilisten Opfer waren, wurde keineswegs verschwiegen. Im Gegenteil: Auf ihre Zahl war man stolz. Unter Berufung auf die britische Presse hieß es im „General-Anzeiger“: „Soweit man bisher übersehen könne, habe es Tausende von Opfern in der einen Angriffsnacht auf Coventry unter der Bevölkerung gegeben.“ Ein Kommentator überschlug sich vor Unbarmherzigkeit „Es gibt keine Gnade mehr, jede weiche Regung ist erstickt“, schrieb er zu den „Feuergräbern für Tausende von Menschen“.

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WERNER FUCHS

Am Nachmittag des 16. März 1945 bekommt der 14-jährige Werner Fuchs den Befehl vom „Bann“, der höchsten Instanz der Hitlerjugend in Würzburg, mit etwa 20 ihm unterstellten Jungvolk-Mitgliedern („Pimpfen“) noch am selben Abend im Alten Gymnasium (heute Polizeigebäude am Johanniterplatz) zum Luftschutz-Dienst zu erscheinen. Fuchs: „Ich war nur einer von etwa einem halben Dutzend Jungvolkführern, die mit dem gleichen Befehl wie ich, nur in anderen Luftschutzräumen, ihren Dienst antreten sollten. In einer Zeit, wo fast niemand ein Telefon besaß, war es nicht einfach, in so kurzer Zeit genügend zwölf- bis 13-jährige Pimpfe zu verständigen und von den Eltern die Versicherung zu erhalten, dass sie auch erscheinen würden. Es gelang mir, etwa die Hälfte der 20 Buben zu verständigen. Dann musste ich selbst daheim meinen Eltern die Wichtigkeit meiner Aufgabe beschreiben und ihnen erklären, dass ich auch ohne ihre Zustimmung zum Dienst zu erscheinen habe. Ich erreichte mein Ziel gerade noch, bevor die Sirenen heulten. Mit meinen Schützlingen begab ich mich in den Keller des ehemaligen Klosters, der ein öffentlicher Luftschutzraum war und sich schnell mit Frauen und Kindern füllte.

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GEORG GÖTZ

Der neunjährige Georg Götz ist inzwischen mit der Mutter und einer Tante sowie zwei weiteren Frauen wie gewohnt zum Garten des Großvaters am Oberen Schalksberg gegangen. Die Großmutter befindet sich bei Verwandten in Rimpar. Georg Götz: „Bis zum Abendessen war noch etwas Zeit und so konnte ich im Garten – bis ich gerufen wurde – noch etwas spielen. Als wir bei Tisch im Häuschen zusammensaßen, holte ich die Uhr meines Vaters aus der Tasche und zeigte sie Opa. Er war gleich ziemlich ärgerlich und schimpfte mit meiner Mutter. ‚Man kann doch dem Kind nicht so eine Uhr geben’, sagte er böse. Darauf nahm er die Uhr an sich und verstaute sie im Schrank. Ich weiß, dass ich mich aufführte, aber es half nichts.“

Zwischen 17 und 18 Uhr starten in Südengland 236 Maschinen der Bombergruppe Nr. 5 der Royal Air Force in Richtung Würzburg: 225 Lancaster-Bomber und elf Mosquito-Jagdbomber. 13 Lancaster drehen wegen technischer Probleme um, so dass schließlich 212 Lancaster und elf Mosquitos die Stadt angreifen werden. Die Gruppe gilt als besonders erfahrenes Elitegeschwader.

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CHARLOTTE AMBROSCH

Charlotte Ambrosch hat den Anblick von Würzburg so lange genossen, dass keine Zeit mehr bleibt, um noch nach Hause zu fahren. Schon vor 19 Uhr, ihrem Dienstbeginn, trifft sie im „Warnkommando Würzburg“ im Bischofspalais ein. Nach und nach kommen die Kolleginnen. „Alle waren guter Stimmung, ein jeder erzählte, was er an diesem wunderschönen Frühlingstag unternommen hatte. Trotz Krieg und schwerer Sorgen waren wir ein munteres Häufchen. Kaum hatten wir uns ausgeplaudert, kam eine Feindmeldung und wir mussten Luftwarnung geben. Das war ungefähr um 19.45 Uhr. Um 20 Uhr wieder Entwarnung. Ich schrieb meinen Bericht, warum und wieso, denn ich war die erste Auswerterin und dafür zuständig.“

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Ortrun Koerber und die anderen Menschen im Garten am Oberen Dallenbergweg hören den Alarm. Trotzdem legen sie sich wie gewohnt hin. Luftalarme gibt es inzwischen in Würzburg jede Nacht und meistens fallen keine Bomben, weil die Flugzeuge andere Ziele ansteuern. Außerdem befindet sich ihre Holzhütte weit von der Innenstadt entfernt.

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Hans-Portrait
HANS SCHWABACHER

Hans Schwabacher und seine Brüder sind schon im Keller. „Wie an jedem Abend gingen wir in den Luftschutzkeller unter unserem Haus. Jeder trug ein kleines Köfferchen mit Lebensmitteln – Äpfel und Brot für den Fall, dass in dieser Nacht das Ende kommen würde. Wie jeden Abend verabschiedeten wir uns von unserem geliebten Haustier, einem kleinen gelben Kanarienvogel. Das war mit das Schwerste – den Kanarienvogel alleine oben zu lassen.“

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CHARLOTTE AMBROSCH

„Der Abend war ruhig und versprach eine ebensolche Nacht zu werden“, notierte Charlotte Ambrosch später. „Aber denkste! So gegen 20.30 Uhr bekamen wir eine Meldung, dass feindliche Flugzeuge, langsame Maschinen, über dem Bodensee im Raum Ulm seien, später eine Meldung, dass sich die Flugzeuge geteilt haben und nach Osten und Norden weiterfliegen. Etwa um 20.50 Uhr erhielten wir einen Anruf vom Luftkommando in Frankfurt, dem wir unterstellt waren, Alarm zu geben. Wir waren sprachlos. Wieso? Ohne Feindmeldung! Das geht nicht, wir brauchen für unser Tun eine Unterlage, wir brauchen eine Meldung, dass Feindflugzeuge im Anflug sind. Ratlosigkeit. Wer übernimmt die Verantwortung?

Auf einmal ging die Tür zum Befehlsraum, in dem auch ich saß, auf, und ein Luftwaffenbediensteter, der bei uns einen extra kleinen Raum hatte, den wir nicht betreten durften, kam herein. Er war blass, keine Farbe mehr im Gesicht. Zitternd konnte er noch die Worte sagen: ‚Es gibt einen ganz großen Bum, sofort Fliegeralarm geben, Befehl vom höchsten Luftfahrtkommando!’ Nie werde ich den jungen Mann vergessen können, der in diesem Moment ausgedrückt hat, wie sehr er Angst um sein Leben hatte, vielleicht auch um unser Leben. ‚Wir müssen doch Luftlagemeldungen an die Öffentlichkeit geben!’ – ‚Dazu ist keine Zeit!’“

Um 21 Uhr tönen die Sirenen, lang und schaurig. Charlotte Ambrosch: „Wir verlängern diese grausamen Töne, um der Bevölkerung die Dringlichkeit kundzutun. Gleichzeitig können wir nur immer wieder über das Radio sagen, dass die Luftschutzkeller unbedingt aufzusuchen sind, immer und immer wieder! Unsere Dienststelle ist ein summender Bienenkorb, die vielen Anrufe, die Durchsagen und die Ratlosigkeit, die Angst. Wir können noch erfahren, dass es englische Bomber sind, die langsam auf Würzburg zufliegen.“

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GEORG GÖTZ

Am Oberen Schalksberg sitzen Georg Götz und die anderen nach dem Tischgebet beim Abendessen. Von der Stadt herauf heulen die Sirenen. Keiner lässt sich ablenken, alle essen weiter, es gibt Kartoffeln mit Salz, Butter und Käse. Georg Götz: „Wir waren noch nicht fertig, als meine Tante mal schnell den Raum verließ und ins Freie ging. Hastig und aufgeregt kam sie sofort zurück und rief, dass über dem Luitpoldkrankenhaus und dem Flugplatz ‚Christbäume’ am Himmel stehen. Alle verließen sogleich das Häuschen und wir sahen, wie die rötlichen Leuchtkugeln langsam herunterkamen. Jetzt war es Opa, der zum Zurückkehren ins Haus aufforderte. Tante Gusti fing an, den Rosenkranz zu beten. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verging, bis es zu den ersten Einschlägen kam. Jedenfalls fing es an, dass ohrenbetäubende Detonationen von der Stadt herauf drangen. Der Krach wurde stärker und stärker, und ich hatte auf einmal unheimliche Angst.“

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Auch Ortrun Koerber und die anderem am Oberen Dallenbergweg hören die Flugzeuge. Carlo geht hinaus, um nachzusehen. Alles ist zunächst noch ruhig und er kommt wieder in die Hütte und setzt sich auf seine Matratze. Aber er ist unruhig und lässt die Tür auf. Mit einem Mal wird die Hütte von einem unheimlichen gelben Licht durchflutet, das von draußen kommt. Ortrun Koerber: „Wir wussten sofort, was los war. Wir hatten solche Todesangst, dass wir wie gelähmt waren. Wir wollten unsere Mäntel und Schuhe holen, aber nichts schien an dem Platz zu sein, wo wir es eine Stunde zuvor hingelegt hatten. In der Stadt fielen die ersten Bomben, ein beständiges, immer lauter werdendes Donnerrollen. Rosita verlor die Nerven, sie warf sich auf den Boden und schrie vor Panik. Carlo zog sie hoch, und wir liefen aus der Hütte.“

Würzburg im Feuersturm

Die englischen Flugzeuge überfliegen ab 21.25 Uhr einen mit Leuchtbomben gekennzeichneten Markierungspunkt – die Sportplätze an der Mergentheimer Straße – und spreizen sich von dort aus auf, jedes mit einem eigenen Kurs und einem vorher festgelegten Zeitpunkt zum Ausklinken der Bombenlast.

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Am Oberen Dallenbergweg herrscht Panik. „Was sollen wir machen? Wohin sollen wir gehen?“, ruft jemand. Ortrun Koerber: „Wir hätten versuchen können, zum Bauern in seinen Keller zu gelangen oder in den Wald, aber in unserer Panik wussten wir nicht, was wir tun sollten und wohin wir gehen sollten. Die Angst lähmte uns, wir schienen unfähig, uns zu bewegen. Bomben fielen und explodierten ganz in unserer Nähe. Mutti schrie: ‚Lauft zur Grube hinter dem Kirschbaum!’ Wir machten uns auf, ohne zu überlegen, ob wir das Richtige taten. Wir befolgten einfach nur den Befehl von jemandem, dessen Stimme Autorität ausstrahlte. Der Kirschbaum steht nur einige Meter von der Hütte entfernt, aber niemals schien er mir so weit weg wie in diesen Augenblicken, als es mir kaum zu gelingen schien, hinzukommen.“

„Wir lagen im feuchten Gras. Rosita war jetzt still, aber Ingrid weinte herzerweichend und starrte uns mit furchterfüllten Augen an. Es war so fürchterlich, der betäubende Donner der Bomben, das morbide, unnatürliche Licht und der Tod, der so nah war. Abertausende von Bomben wurden abgeworfen. Die Explosionen betäubten uns fast und ließen uns nach Luft schnappen. Carlo rief unsere Namen und drückte uns auf den Boden. ‚Bleibt, wo ihr seid’, sagte er immer wieder. ‚Es ist zu spät, um irgendwo anders hinzugehen. Uns wird nichts geschehen.’ Ich lag ganz nah bei ihm und sein Mut gab mir Kraft. Aber auch er wusste, dass jeder Augenblick unser Leben beenden konnte, und während die ganze Welt um uns zu explodieren schien, küsste er mich zum Abschied.“

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Hans-Portrait
HANS SCHWABACHER

Im Keller in der Domerschulstraße sitzen die drei Schwabacher-Buben. Hans Schwabacher: „Voller Schrecken hörten wir die Bomben fallen, eine Explosion folgte der anderen so schnell, dass unser Keller bebte. Wir kuschelten uns aneinander, hielten einander fest und fragten uns, ob wir die Nacht überleben würden.“

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GEORG GÖTZ

Am Oberen Schalksberg gibt es einen gewaltigen Schlag. Eine Bombe hat das Gartenhaus getroffen; sie fällt genau zwischen dem Hühnerstall und der rückwärtigen Hauswand herab. Georg Götz: „Das Geschirr polterte aus dem Schrank, außerdem hörte man den Lärm der Hühner. Opa verließ als Erster den Raum, ihm folgten Tante Gusti und die beiden Frauen. Meine Mutter und ich waren noch im Häuschen, als ein zweiter Schlag in unmittelbarer Nähe alles erzittern ließ. Meine Mutter rief schnell: ,Wir müssen raus!’ – und schon eilte sie zur Tür und verschwand im Freien. Sie dachte wohl, dass ich ihr hinterher folge, aber ich zögerte. Ich wollte gerade durch die Tür springen, als genau vor mir auf der Türschwelle eine Brandbombe einschlug. Ich sah nur noch Feuer, das wie eine Wand vor mir die ganze Tür ausfüllte. Ich schrie und wusste nicht, was ich tun sollte. Es war meine Mutter, die sich umdrehte, durch das Feuer hindurch langte und mich herauszog. Das Ganze spielte sich in nur wenigen Sekunden ab.“

„Das Gartenhaus war zwar ziemlich massiv gebaut, aber es brannte bereits lichterloh. Opa kam uns entgegen, er trug zwei Wassereimer, die er aus der Zisterne gefüllt hatte, und wollte löschen. Es war zu spät. Meine Mutter zog mit aller Kraft ein kleines Sofa und einige Betten aus der brennenden Laube. Auch mein Großvater brachte noch einige unbedeutende Dinge in Sicherheit.“

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CHARLOTTE AMBROSCH

Im „Warnkommando Würzburg“ erlebt Charlotte Ambrosch den Angriff: „Das Gedonner ging los, ein riesiges Trommelfeuer; der Staub kam von unten, aus dem Fußboden, die Erde bebte! Wir waren so um die zwölf Mädchen und ein Ablösungsführer. In der ‚Weitergabe’, vom Befehlsraum durch eine Glaswand getrennt, saßen zehn Mädchen an den Rundspruchschränken, die Köpfe eingezogen und Decken umgehängt. Weiß Gott, wo sie die herhatten, ich hatte keine. Ich hörte nur noch das Gewimmer und die Schreckensrufe, wenn eine Bombe auf das Palais einschlug.“

Das Gedonner ging los, ein riesiges Trommelfeuer. Charlotte Ambrosch

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WERNER FUCHS

Werner Fuchs hat sein Ziel, das Alte Gymnasium, gerade noch rechtzeitig erreicht, bevor die Sirenen heulen und Fliegeralarm verkünden. Mit seinen Schützlingen begibt er sich sofort in den Keller des ehemaligen Klosters, der auch ein öffentlicher Luftschutzraum ist und sich schnell mit Frauen und Kindern aus den umliegenden Häusern füllt. Da das ganze Gebäude unterkellert ist, gibt es mehrere Schutzräume, die durch Gänge miteinander verbunden sind, von denen aus Treppen nach oben führen.

„In der Ecke unseres Raumes stand ein merkwürdiges Gerät, das laut dort angebrachter Beschreibung eine Luftpumpe war, die im Notfall im Keller eingeschlossene Insassen mit Frischluft versorgen sollte“, schreibt er später. „Wir hatten gerade noch Zeit, die Gebrauchsanweisung zu lesen und uns mit der Bedienung vertraut zu machen, als das Licht ausging und eine gewaltige Detonation uns auf den Boden warf. Dann war Totenstille, oder so schien es wenigstens. In Wirklichkeit waren unsere Ohren von der Explosion so sehr betäubt, dass wir für eine ganze Weile überhaupt nichts hören konnten.“

Langsam kommt das Gehör zurück, und damit auch das Bewusstsein, dass eine Bombe ganz in der Nähe eingeschlagen ist. Die Luft ist so geladen mit Staub, dass man kaum atmen kann und nicht einmal eine Kerze will brennen. Da erinnert sich der 14-Jährige an die Luftpumpe, die er kurz vorher entdeckt hat. „Unter meinen Anweisungen pumpten zwei Buben an jeder Seite und in kürzester Zeit konnten wir freier atmen. Als mit ein paar Kerzen der Raum sehr dürftig beleuchtet wurde, erkannten wir, dass der Zugang von oben zugeschüttet war und somit unser Ausgang sowie der Weg in den nächsten Raum blockiert waren. Offensichtlich hatte ein Volltreffer das Gebäude über uns zerstört; die Gewölbe des alten Klosters aber hielten stand.“

Alle im Keller Gefangenen bleiben verhältnismäßig ruhig, nur einige Kinder schreien, manche Frauen weinen, andere beten, aber es gibt keine Panik. Immer wieder bebt der Boden, wenn neue Bomben einschlagen.

Auf Würzburg fallen zwischen 21.25 Uhr und 21.42 Uhr an jenem 16. März fast 1000 Tonnen Bomben: 5,2 Tonnen Markierungsbomben, 389,3 Tonnen Sprengbomben und 572,5 Tonnen Brandbomben.

Die meist zwei Tonnen schweren Sprengbomben, teils mit Zeitzünder versehen, decken Dächer ab, zerstören Wasserleitungen und bilden Krater in den Straßen, die Löschtrupps den Weg versperren. Rund 310 000 Stabbrandbomben entzünden die jetzt offenen Häuser, in denen Zugluft wie in einem Kamin jeden kleinen Brandherd zum Großbrand anwachsen lässt. Während des Angriffs kreist ein englisches Flugzeug über Würzburg und filmt, wie die einzelnen Brandherde zusammenwachsen.

Die Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945

Karte der Schäden in Würzburg

Ein Bomber wird über der Stadt abgeschossen. Sechs Mann der Besatzung sterben beim Abschuss. Einer, Donald G. Hughes, wird zwei Tage später von einem SS-Offizier in Sommerhausen erschossen, nachdem der RAF-Soldat aus seinem Versteck in Eibelstadt herausgekommen ist. Fünf weitere Lancaster gehen verloren; insgesamt fallen 49 Mann der Flugzeugbesatzungen oder werden gefangen genommen.

Unzählige Menschen sterben in den Würzburger Luftschutzräumen und Kellern, weil die Ausgänge blockiert sind. Rauch dringt ein, Kohlenvorräte geraten in Brand und setzen das tödliche, geruchlose Kohlenmonoxid frei.

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GEORG GÖTZ

Georg Götz und die anderen im Garten hoch über Grombühl sitzen in der Nähe des Gartenhauses, das in Flammen steht. Erst jetzt wird dem Neunjährigen bewusst, dass es im ganzen Garten brennt. Überall liegen Brandbomben und vom Garteneingang läuft eine brennende Flüssigkeit den Weg hinunter. Die ganze Stadt ist in Feuer gehüllt und es kracht ununterbrochen. „Was man von hier aus sah, war unbeschreiblich. An Schlaf war in dieser Situation nicht zu denken. Mutter hatte laufend mit dem Funkenflug zu tun, der sich auf uns und den Betten niederließ. Es half nicht viel, überall gab es Brandflecken und Löcher.“

Georg Götz erinnert sich an den 16. März 1945

Langsam geht der Angriff zu Ende: „Die Detonationen in der Stadt wurden weniger, das unheimliche Brummen in der Luft ließ nach, doch das Brausen eines Sturmes blieb”, schildert Georg Götz. „Rauch und Brandgeruch machten sich breit. Plötzlich donnerten über uns einige Flugzeuge hinweg. Sie flogen ziemlich tief, kamen von der Stadt her und verschwanden in Richtung Rotkreuzhof. Ich hatte unheimliche Angst, weil sie so nah und so groß waren. Die Kanzeln der Piloten waren hell erleuchtet. Meine Mutter drückte mich an sich und beruhigte mich.“

Georg Götz weiter: „Tante Gusti war auf einmal auch wieder da und stand bei Opa am zerstörten Häuschen. Mit einer Hacke zog er verkohlte und noch brennende Balken auseinander, denn er wollte den Eingang zum Keller freilegen. Auf einmal kamen zwei Männer den Gartenweg herunter. Es waren Johann Eitel, der Schwager von Opa, und dessen Sohn Albert aus Rimpar. Sie kamen noch in der Nacht über den alten Stadtweg, um zu helfen. Sie hielten es nicht für möglich, dass hier hoch über der zerbombten Stadt auch das Gartenhaus daran glauben musste. Sie erzählten aber auch aufgeregt, dass der Rotkreuzhof in Flammen stehe. Opa hatte zwischenzeitlich den Kellereingang freigelegt und kam mit einer Kanne Most herauf. Kaum oben angelangt, brach hinter ihm die Decke über dem Keller in sich zusammen. Ich sah, wie er weinte.“

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Plötzlich ist alles vorbei. Die Lichter verschwinden vom Himmel, die Flugzeuge sind weg. Am Oberen Dallenbergweg ist Ortrun Koerber erleichtert: „Wir lebten. Wir konnten aufstehen und zu unserer Hütte zurückgehen. Würzburg verbrannte in einem Meer von Flammen. Riesige Wolken aus Feuer und Rauch stiegen aus der Stadt empor; sogar der Wald über uns brannte. Ein Sturm, so stark wie ein Orkan, tobte. Die ganze Nacht ließen die Detonationen der Zeitbomben unsere kleine Hütte erzittern, und die ganze Nacht kauerten wir da, so schreckerfüllt, dass wir nicht reden konnten.“

Unten im Tal das Inferno: Einstürzende Mauern erschlagen in den Straßen Menschen, die durch den Funkenregen hetzen. Andere werden von mit Spätzünder versehenen Bomben zerfetzt. Überlebende mit verbrannten Haaren, rauchgeschwärzten Gesichtern und entzündeten Augen verbringen die Nacht im Ringpark, andere strömen in umliegende Ortschaften.

Viele Häuser in der Altstadt sind aus Holz errichtet und verfügen nicht über ordentliche Brandmauern. Dies sowie die Wirkung der Sprengbomben erleichtern es den Bränden, zusammenzuwachsen. Über Würzburg bildet sich eine gigantische Heißluftsäule, die orkanartige, glühend heiße Stürme produziert und tausende Tonnen Sauerstoff ansaugt. Gegen das Feuer mit Temperaturen bis zu 2000 Grad versagen alle Mittel. Nur in Einzelfällen gelingt es den Feuerwehren aus Würzburg und von auswärts, Häuser zu retten. Die Hitze ist so groß, dass Besteck schmilzt und sich das Zifferblatt einer historischen Uhr im Mainfränkischen Museum verformt.

Irmgard Sahlender ist am 16. März 1945 20 Jahre alt. Um ihre Erinnerungen zu hören, fahren Sie mit der Maus über das Bild und klicken auf das Play-Symbol in dem sich öffnenden Fenster.

Augenzeugenbericht von Irmgard Sahlender über den 16.März

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CHARLOTTE AMBROSCH

In Charlotte Ambroschs Dienststelle kommen nach einem kurzen Moment der Beruhigung die Sorgen um die Angehörigen; alle beten. Charlotte denkt auch an das Fahrrad, mit dem sie vor ein paar Stunden den Ausflug zum Guttenberger Forst gemacht hat und das im bischöflichen Hof steht. Es gehört nicht ihr, sondern ihrer Schwägerin, sie will es in Sicherheit bringen: „Irgendwie habe ich es geschafft, aber fast unter dem Einsatz meines Lebens, denn direkt neben dem Eingang in der Herrnstraße war damals ein Kino, und die Filme fingen explosionsartig Feuer. Es war eine Hitze, dass man nicht atmen konnte, so unheimlich heiß, dass ich glaubte, mein Gesicht sei verbrannt.“ Es gelingt der 23-Jährigen, das Rad in den Keller zu tragen.

In der Dienststelle herrscht Ratlosigkeit. Was nun? Arbeit gibt es keine mehr, denn sämtliche Leitungen sind unterbrochen. Also bekommen die Mädchen auch keine Meldungen mehr und wissen nicht, was draußen los ist. Ist nur die Innenstadt betroffen? Vielleicht ist Grombühl, wo sie wohnt, verschont geblieben? Dann stellt sich plötzlich heraus, dass doch noch eine Leitung offen ist – die zum Betonbunker von Gauleiter Otto Hellmuth am Letzten Hieb in der Rottendorfer Straße. Von dort kommt ein unmenschlicher Befehl. Charlotte Ambrosch: „Dort saß unser Warnkommando-Chef. Er gab den Befehl: Keiner darf die Dienststelle verlassen, das ist eine militärische Dienststelle – die muss besetzt bleiben! Wir waren ja alle gewohnt, uns unterzuordnen, aber langsam wurde uns unsere Nutzlosigkeit doch bewusst: zuhause die Angehörigen – vielleicht hätte man helfen können –, und das Wissen, eingesperrt zu sein, komme, was da wolle. Zwischendurch immer das Explodieren von Zeitzündern oder was auch immer, das Wissen, dass über uns das Haus brennt, die Hitze, die wenige Luft, der Rauch, die namenlose Ungewissheit.“

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Hans-Portrait
HANS SCHWABACHER

Im Keller unter dem „Mischlingshaus“ in der Domerschulstraße 25 sitzen Hans Schwabacher und seine Brüder. „Wir hatten Glück, dass es in dem elenden Haus einen sehr tiefen Keller gab“, notiert er 2003 in seinen Lebenserinnerungen. „Während der Bombardierung stürzte das Haus zusammen und geriet in Brand. Wir verließen unseren Keller durch einen Gang, der ihn mit einem anderen Haus verband. Wir gingen im Untergrund von Haus zu Haus; das fünfte war noch nicht ganz eingestürzt. Wir gingen hinaus und sahen totale Zerstörung. Es regnete Feuer, das nicht zu löschen war. Wir liefen zu einem der Springbrunnen im Hofgarten, tauchten Tücher hinein und legten sie uns um den Kopf – in der Hoffnung, dass der Stoff uns vor dem Feuer beschützen würde und uns so lange atmen ließ, bis wir den etwas geräumigeren Luftschutzraum im Park erreicht hatten. Wir rasten durch den Hofgarten, mit den Tüchern um den Kopf.“

„Der einzige Grund, warum wir in dieser Nacht nicht gestorben sind, ist, dass wir aus dem Keller unter unserem Haus herauskamen. Nicht jeder aus unserem Keller überlebte. Während wir nach einem größeren und besseren Schutzraum suchten, blieben andere im Keller des schrecklichen Hauses. Die blieben, waren den Tod geweiht. Einige kamen zu spät heraus oder sie liefen auf die Straße, anstatt durch die unterirdischen Gänge zu gehen. Das waren jene, die wir später fanden, lebendig verbrannt.“

Nach seiner Auswanderung in die USA wird der inzwischen 15-jährige Hans Schwabacher, der sich jetzt John nennt, in der Schule ein Bild malen, das seinen Weg zum Schutzraum im Hofgarten zeigt – ein einmaliges und bisher nur in seinen Memoiren veröffentlichtes Dokument, das sich jetzt im Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte in Unterfranken befindet. Er nennt es „Auf der Jagd nach Sicherheit“.

„Die Geschichte, die ich erzählen werde, ereignete sich in einer kleinen Stadt in Deutschland. Ihr Name ist Würzburg“, schreibt er in einem Text auf dem Bild. Beim Datum täuscht er sich; er verlegt das traumatische Geschehen auf den 15. März. „Ich lebte in Würzburg, bevor ich nach Amerika kam. Wie üblich hielt ich mich abends mit meinen Brüdern im Luftschutzkeller unter unserem Haus auf. Plötzlich wurde das Haus von Bomben getroffen und wir merkten, dass das Haus brannte. Wir versuchten, durch die Tür hinauszukommen, aber die Tür war durch brennende Holzbalken versperrt. Wir versuchten, durch den Notausgang hinauszukommen, aber schließlich gelangten wir durch ein weiteres brennendes Haus in die Kettengasse.“

Fahren Sie mit der Maus über den Fluchtplan und klicken Sie sich gegen den Uhrzeigersinn durch Johns Zeichnung, um sich seine Geschichte anzuhören.

Hans Schwabachers Fluchtzeichnung

John findet für seine amerikanischen Mitschüler englische Namen für die Straßen, durch die er und die anderen hasten. Die Kettengasse nennt er „Chain Alley“, die Domerschulstraße „Cathedral Street“ (Dom heißt auf Englisch „cathedral“), die Balthasar-Neumann-Promenade, von den Würzburgern Schwarze Promenade genannt, wird zur „Black Forest Avenue“.

John weiter: „Wir sahen, dass nicht nur die Häuser in unserer Straße brannten, sondern die ganze Stadt. Wir versuchten, uns in der Orangerie (im Text schreibt John ‚conservatory’) in Sicherheit zu bringen, aber sie brannte ebenfalls. Dann gingen wir zum Teich, um unsere Kleider mit Wasser zu tränken, um uns gegen die herumfliegenden Funken zu schützen. Auch die meisten Bäume brannten, und wir mussten durch Büsche kriechen. Schließlich gelang es uns, einen sicheren Platz in einem anderen Luftschutzraum zu finden, der tief in die Felsen gehauen war.“

John berechnet die Entfernung vom Keller zum Schutzraum: 540 Yards, also 494 Meter. Er schreibt auf sein Bild, wie lange es gedauert hat, um vom Keller zur sicheren Unterkunft zu gelangen: etwa sieben Minuten.

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WERNER FUCHS

Werner Fuchs ist mit den ihm unterstellten Jungvolk-„Pimpfen“ und den vielen Schutzsuchenden in diesem Moment noch immer im verschütteten Keller unter dem Alten Gymnasium. Es gibt ein paar Kellerfenster hoch oben, die als Notausgänge dienen und die nur erreichbar sind, wenn man auf den dafür in die Wand eingemauerten Sprossen hinaufklettert. Aber: Die Fenster sind unter Schuttmengen begraben. Nun kommt es darauf an, dass sie von außen freigelegt werden.

Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Retter wenigstens zu einem der Fenster durchgearbeitet haben; die Evakuierung kann beginnen. „Nun sahen wir auch, dass draußen alles in Flammen stand und größte Eile nötig war“, erinnert sich Werner Fuchs. „Unter gewaltigen Anstrengungen und nur durch allgemeine Zusammenarbeit gelang es, besonders die älteren, zum Teil behinderte Frauen an der Wand hoch zu befördern, wo dann von draußen helfende Hände sie ins Freie zogen. Auch Kleinkinder waren ein Problem, und nicht zuletzt die wenigen Habseligkeiten, die jeder mit in den Keller gebracht hatte und unter keinen Umständen zurücklassen wollte.“

Schließlich ist der Keller komplett geräumt. Draußen herrscht eine unbeschreibliche Hitze; alle rennen, so schnell sie können, hinunter an den Main, tauchen die mitgebrachten Wolldecken ins Wasser und bedecken sich damit, um sich vor Hitze und Funkenflug zu schützen. Unter dem Schutz der nassen Decken wagen sich Werner Fuchs und einige andere Jungen noch einmal zwischen die brennenden Häuser, um ein paar Frauen mit Kindern und mit Gepäck aus der Johannitergasse hinunter an den Main zu helfen. Es ist allerhöchste Zeit, denn herabfallende Balken und einstürzende Häuser hätten ihnen bald den Weg versperrt.

Werner Fuchs: „Wie es schien, war jetzt die ganze Stadt in Flammen und auch am linken Mainufer brannte es überall. So schlossen wir uns dem Strom von fliehenden Menschen dicht am Ufer entlang bis nach Randersacker an, wo wir in der Turnhalle Notquartiere fanden.“

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CHARLOTTE AMBROSCH

Im Keller unter dem Bischofspalais müssen Charlotte Ambrosch und die anderen jungen Frauen noch immer ausharren. Das Verlassen der „militärischen Dienststelle“ ist ihnen strengstens verboten. Doch nicht alle sind so verblendet. Charlotte Ambrosch: „Herr Schnackig, unser Ablösungsführer, hat ein paarmal gewagt, bei unserem Chef telefonisch für uns zu bitten. Er sagte immer wieder: ‚Ich bleibe ja da, aber lassen Sie doch die Mädels raus! Es wird doch nicht besser, die Flammen kommen immer tiefer, dann ist es unmöglich, dass sie durchkommen, sie müssen entweder ersticken oder verbrennen!’ Leider holte er sich nur Befehlsverweigerungs- und Kriegsgerichtsdrohungen.“

Um 24 Uhr ruft Schnackig nochmals an und findet mutige Worte: „Ich kann es nicht verantworten, ich lasse jetzt die Mädchen raus, und wenn Sie mich dafür hinrichten.“ Er gibt Anweisungen für das Verlassen des Kellers: Jeder muss sich mit einem nassen Mantel, einer Decke oder etwas Ähnlichem umhüllen. Auch der Kopf soll gut geschützt sein, mit einem nassen Schal oder einer dichten Mütze. Schließlich kommt ein Anruf vom Chef, der das Verlassen der Dienststelle endlich erlaubt.

Weitere Augenzeugen im Feuersturm

Charlotte Ambrosch: „Nachdem wir den Keller verlassen hatten, liefen meine Kollegin Hilde, ein zartbesaitetes Mädel, auch aus Grombühl, und ich erst einmal auf die Hofstraße zu. Am Paradeplatz berieten wir kurz, wie wir weitergehen sollten. Natürlich zum Main hinunter, also zwischen Dom und Neumünster bis zur Domstraße. Aber die Hitze war einfach zu groß, und die Flammen schlugen uns entgegen. Auf der Straße lag haufenweise glühender Schutt von den schon heruntergebrannten Häusern.“

„Also zurück zur Hofstraße und auf die Residenz zu. Aber da war es genauso. Dann über den Paradeplatz zur Domerschulstraße oder rechts durch die Plattnerstraße? Nein, wieder zurück und noch einmal in Richtung Residenz. Flammen, Flammen, wohin man schauen konnte, dazu die glühenden Drähte von den Dächern und der Sog. Der unheimliche Wind hielt alles und jedes in Bewegung. Wieder zurück über den Paradeplatz. Wir müssen doch durchkommen! Irgendwie müssen wir da rauskommen!“

„Wir sahen so gut wie keine Menschen, die hatten sich alle schon in Sicherheit gebracht. Kurz bevor wir wieder in die Domerschulstraße hineingehen wollten, sah ich einen Mann zusammengekauert auf einem Koffer sitzen. Ich ging kurz hin und wollte ihm Mut zusprechen. Auf einmal erkannte ich ihn – es war unser Bischof Matthias Ehrenfried, unser lieber Hausherr! ‚Mein Gott’, hab ich gesagt, ‚so alleine! Wo sind denn Ihre Leute?’

‚Ach Gott’, hat er geantwortet, ‚ich weiß es nicht, die sind, scheint mir, schon lange fort.’ ‚Und Sie hat man nicht vermisst?’ ‚Das sicherlich’, sagte er, ‚aber ich will nicht. Ich will hier bei meinem Würzburg bleiben, und wenn Würzburg stirbt, dann will ich das auch.’ Hilde und ich baten ihn, doch mit uns zu kommen, wir boten ihm an, seinen Koffer zu tragen, doch er wollte sich nicht helfen lassen.“

Die jungen Frauen steigen allein über heiße Schuttberge. Wenn sie schnell genug sind, können die Schuhe nicht zu brennen anfangen. Charlotte Ambrosch: „Es waren Schritte um unser Leben. Wir sind gestürzt, aufgestanden und über glühende Drähte gestolpert. Der Sog schlug uns die Flammen entgegen, also mussten wir einige Schritte zurückweichen. Dann zog der glühende Sog die Flammen in die entgegengesetzte Richtung und wir kamen wieder ein paar Schritte voran. Der Wind war das Schlimmste. Man musste jede Sekunde nutzen, genau die Flammen beobachten und dann den richtigen Moment ausnützen, losrennen bis zum nächsten Windwechsel, rechtzeitig stoppen, stehen bleiben und wieder etwas zurückweichen. So haben wir die hundert Meter von der Herrngasse zum Residenzplatz geschafft. Da ich immer vorausging – Hilde kam hinter mir – habe ich ein paar Mal die Flammen voll ins Gesicht bekommen und mein Kopftuch hat zweimal angefangen zu brennen. Hilde schrie es mir jedes Mal außer sich zu und so konnten wir die Flammen gleich ersticken.“

Schließlich erreichen Charlotte und Hilde den Ringpark. Beim Luisengarten begegnet ihnen eine Frau mit zwei Taschen. Daran halten sich zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt, fest. Charlotte und Hilde wollen helfen, die Kinder führen oder die Taschen tragen, aber die Frau lehnt ab. „Nein”, sagt sie, „ich bin froh, dass ich hier in den Anlagen bin. Ich gehe nicht mehr weiter, ich kann nicht mehr, und meine Kinder sind auch total erschöpft.”

In den nächsten Stunden schlagen sich Hilde und Charlotte nach Randersacker durch.

Warum wurde Würzburg noch so spät zerstört?

Würzburg nach dem Angriff

Am Morgen des 17. März hängt dichter schwarzer Rauch in jedem Winkel der Stadt. Zwischen den noch brennenden Häusern liegen bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Körper.

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Hans-Portrait
HANS SCHWABACHER

Am 17. März, einem Samstag, gehen Hans Schwabacher und seine Brüder in die Domerschulstraße zurück: „Wir waren sprachlos. In unseren schlimmsten Träumen hatten wir so etwas nie gesehen. Wir hatten nie gesehen, wie eine ganze Stadt niederbrennt. Wir sahen viele Tote in unseren Straßen – verkohlte Körper, eine tote Nachbarin, die auf einer Treppe lehnte; ihre Handtasche hing noch an ihrem versengten Arm. Überall widerlicher Gestank, der noch tagelang in der Luft hing. Zu diesem Zeitpunkt machte es keinen Unterschied mehr, ob du Jude bist oder nicht, Nazi oder nicht. Es ging nur noch ums Überleben. Keiner folgte uns mehr; jeder dachte nur noch daran, seine eigene Haut zu retten. Selbst dem überzeugtesten Nazi war klar, dass das Naziregime so gut wie vorbei war.“

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GEORG GÖTZ

Als es Tag wird, sieht Georg Götz vom Oberen Schalksberg aus das ganze Ausmaß der Vernichtung. „Über der Stadt lag eine eigenartige Beleuchtung. Der Himmel war trüb vom Rauch. Es brannte an vielen Stellen, und in den Rauchschwaden tauchten dunkle Turmstümpfe auf. Ich weiß nicht, wie spät es war, aber es war noch früh am Tag, als Mutter sagte: ‚Wir gehen hinunter nach Grombühl, vielleicht ist noch etwas zu retten.’

Auf dem Weg zur Stadt kamen uns immer wieder Leute entgegen, die einige wenige Habe bei sich trugen. Ein Mann hatte einen Schlafanzug an. Wir erreichten die ersten Häuser und sahen die verheerenden Schäden und die Zerstörung. Wir kamen dennoch gut voran und gelangten über die Wagnerstraße bis hinunter zum Wagnerplatz. Wir stiegen dabei über unendlich viele Steine, Mauerteile und verkohlte Balken.“

„Es herrschte eine unheimliche Hitze, mir war es unangenehm“, berichtet Georg Götz weiter. „Mutter aber hatte mich an der Hand und zog mich mit sich. Jetzt standen wir an der Petrinistraße und mussten unseren Plan, weiter vorzudringen, aufgeben. Die Oberleitungen der Straßenbahn lagen heruntergerissen kreuz und quer in der Straße und zu den Mauerteilen kamen unüberwindliche Eisenträger, die große Hitze ausstrahlten. Von unserem Standpunkt sahen wir, dass unser Wohnhaus, Petrinistraße 11, noch stand, doch mehr nicht. Wir kehrten um und gingen den gleichen Weg wieder zurück. Erst jetzt bemerkten wir die beiden Toten – sie lagen in Höhe der Metzgerei Kneuer. An der Schiestlstraße waren es nur zwei Häuser nach rechts, hier in Nr. 22 wohnten die Großeltern. Alles war zerstört.“

Im Zugang zum Hinterhof schaut unter einer Blechhütte ein kleines Leiterwägelchen hervor. Die Mutter holt es heraus. Georg Götz: „Die Deichsel war kaputt, doch Mutter band einen langen Lappen, den wir fanden, daran und zog es damit in den Garten. Unterwegs bekam ich auf einmal Hunger – wir hatten ja noch nicht gegessen. Von fremden Leuten, die in der Schlucht liefen, bekam ich ein kleines Stückchen Brot. Im Garten zurück, ruhten wir uns ein bisschen aus. Wie spät mochte es wohl sein? Bestimmt war es schon weit über Mittag. Hätte mir Opa die Uhr von Papa nicht abgenommen, dann steckte sie jetzt noch in meiner Hose.“

Flug über die Ruinen Würzburgs

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Sobald es hell ist, verlassen auch Ortrun Koerber und die anderen den Oberen Dallenbergweg und gehen in die Stadt hinunter. Die Häuser brennen noch, und eine gigantische schwarze Wolke hängt über der Stadt. „Wir brauchten fast den ganzen Morgen, um die Stadt zu durchqueren. Eine Straße nach der anderen erwies sich als unpassierbar. Der Rauch machte uns blind und raubte uns den Atem. Alles was wir sahen, waren Ruinen. Zwischen den Ruinen lagen die versengten und verbrannten Körper von Menschen, geschrumpft auf die Größe von kleinen Kindern, so entstellt, dass keiner sie hätte erkennen können. In einer schmalen Straße mussten wir über die Leichen steigen, um vorwärts zu kommen. Ingrid schrie vor Entsetzen und sie wäre stehengeblieben, wenn wir sie nicht mitgezerrt hätten. Diese Menschen müssen ganz unvorstellbar gelitten haben, als sie fliehen wollten und merkten, dass sie nicht weiterkamen, weil das Feuer sie von allen Seiten einschloss.“

Schließlich erreicht die kleine Gruppe das Haus am Wittelsbacherplatz – es ist das einzige, das in der ganzen Reihe noch steht. „Als Mutti es sah, gaben ihre Knie plötzlich nach und Carlo musste sie stützen. Unsere Wohnung war in einem schrecklichen Zustand. Wir versuchten erst gar nicht aufzuräumen, denn wir wollten nur so schnell wie möglich wieder aus der Stadt herauskommen. Wir packten ein paar Sachen, die wir brauchten, auf unseren kleinen Wagen und eilten zurück zu unserem Hügel, wo wir jetzt bis zum Ende des Krieges bleiben werden.“

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WERNER FUCHS

Nach ein paar Stunden Rast in der Randersackerer Turnhalle macht sich Werner Fuchs auf den Heimweg, voller Angst um die Eltern; er hat keine Ahnung, ob und wie sie die Brandnacht in der Zellerau überstanden haben. Der Feuersturm hat sich gelegt, dichter Rauch liegt über der Stadt und an vereinzelten Stellen brennt es noch immer.

Über Löwenbrücke und Leistenstraße und durch die Weinberge gelangt er auf den Festungsberg, von wo er einen Blick auf die Zellerau hat. Wie durch ein Wunder scheint dort alles unversehrt, vor allem das Haus, in dem die Familie wohnt. Von freudigen Gefühlen überwältigt rennt er den Berg hinunter: „Unsere Wohnung war voll von Verwandten die, selbst ausgebombt, bei uns Unterschlupf fanden. Meiner Mutter und mir liefen die Tränen übers Gesicht, als wir uns umarmten. Mein Vater, der die ganze Nacht erfolglos versucht hatte, in die Stadt zu kommen, um mich zu finden und dann nur mit Ungewissheit nach Hause gekommen war, konnte bei meinem Anblick seinen Gefühlen keinen Ausdruck mehr geben. Er war total mit seinen Nerven am Ende. Als ich meine Uniform zum letzten Mal auszog, ging mir leider viel zu spät ein Licht auf und ich fühlte mich mit meinem Vater näher verbunden als je zuvor.“

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GEORG GÖTZ

Georg Götz ist mit der Mutter wieder im Garten über Grombühl. Plötzlich heulen die Sirenen erneut; unmittelbar danach hört man das Brummen von Flugzeugen. Georg Götz: „Ich schrie und sagte, dass ich nicht mehr hierbleiben will. Meine Mutter nahm mich, und wir brachen sogleich auf. ‚Wir gehen nach Rimpar’, sagte sie. Den Weg kannte ich nicht. Vorbei am Rotkreuzhof, der an einigen Stellen noch brannte, kamen wir zu einem Feldweg. Wir waren schon ein ganzes Stück gelaufen, als zwei Tiefflieger auftauchten und über uns hinweg flogen. Beide machten eine große Schleife und kehrten zurück. Einige Meter vor uns stand das Versbacher Käppele. ‚Schnell’, sagte Mutter, ‚wir müssen hinein!’ Es war allerhöchste Zeit, die ersten Schüsse schlugen neben uns ein. Wir erreichten die offene Kapelle und waren gerettet. Noch einmal drehten die Flugzeuge und schossen mehrere Salven aus ihren Bordwaffen, ehe sie verschwanden. Wir blieben noch eine Weile und trauten uns nicht hinaus.“

Nach der Ankunft auf dem Bauernhof in Rimpar gibt es erst einmal zu essen und zu trinken. Mit nichts sind die Flüchtlinge angekommen, nur das, was sie am Leib tragen, haben sie gerettet.

Relikte aus dem zerstörten Würzburg

In den folgenden Tagen ist Würzburg eine tote Stadt, auf den Straßen liegen verstümmelte Leichen, am Hauptfriedhof wird ein Massengrab ausgehoben. Die genaue Zahl der Bombenopfer ist wegen der chaotischen Begleitumstände nie zu ermitteln; sie liegt zwischen 4500 und 5000. Am 16. März 1945 sterben somit rund fünf Prozent der Vorkriegsbevölkerung, was die höchste Quote einer deutschen Großstadt bedeutet. 82 Prozent der gesamten bebauten Fläche und 90 Prozent der Innenstadt werden zerstört. Zunächst bleiben nur etwa 6000 Menschen in Würzburg, die in den wenigen erhaltenen Gebäuden, in Gartenhäusern und in Kellern hausen.

Eine Demonstration totaler Macht:
Die zwiespältige Bilanz des „moral bombing“

Aus britischen und amerikanischen Quellen ergibt sich laut Hermann Knell, dass folgende drei europäische Städte im Zweiten Weltkrieg den höchsten Zerstörungsgrad aufwiesen: Wesel (25 000 Einwohner) mit 97 Prozent, Wuppertal-Elberfeld (über 400 000 Einwohner) mit 94 Prozent, Würzburg mit 89 Prozent.

Würzburg nach dem Bombenangriff vom 16. März 1945 (Modell aus dem Rathaus)

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CHARLOTTE AMBROSCH

Am 17. März kehren auch Charlotte Ambrosch und ihre Kollegin Hilde nach Würzburg zurück. Sie erfahren, dass Hildes Mutter im Keller von einem Ziegelstein erschlagen wurde. Später hören sie, dass Bischof Matthias Ehrenfried sich doch noch gerettet hat.

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WERNER FUCHS

Am 18. März zieht Werner Fuchs mit seinen Eltern ins völlig überfüllte Naturfreundehaus in Veitshöchheim. Dort lebt die Familie mit 30 weiteren Menschen unter primitivsten Verhältnissen mehrere Wochen bis nach Kriegsende. Die Wohnung in der Zellerau wird am 1. April bei einem weiteren Bombenangriff total zerstört. Alle seine während der Kindheit angesammelten Schätze, mit Ausnahme seines Akkordeons, sind für immer verloren.

Würzburg in Trümmern

Am Freitag, 23. März, schreibt Ortrun in ihr Tagebuch. “Jeden Morgen stehen wir um 5 Uhr auf und gehen zu unserer Wohnung in der Stadt, um weitere Sachen zu holen. Gegen 9 oder zehn Uhr sind wir gewöhnlich wieder in unserer Hütte. Die Straßen in Würzburg sind vollkommen menschenleer. In manchen Straßen gibt es kein einziges Haus, das nicht zerstört ist. Ein leichter Verwesungsgeruch liegt schon über der Stadt.

Anfang April erobern die Amerikaner die erbittert verteidigte Trümmerwüste, die einmal die Stadt Würzburg war. Bei den mehrtägigen Kämpfen sterben nochmals mehr als 1000 Menschen.

Amerikanischer Dokumentarfilm aus dem zerstörten Würzburg vom Mai 1945

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Ortrun-Portrait
ORTRUN KOERBER

Am 13. April macht sich Carlo auf den Weg zu seiner Mutter und den sechs Schwestern in Süditalien. Ortrun Koerber wird ihn nie wiedersehen.

Am 8. Mai ist Frieden, und Ortrun, die inzwischen mit Mutter und Schwestern wieder am Wittelsbacherplatz wohnt, hält ihre Gedanken in ihrem Tagebuch fest: „In Amerika, in England, in fast allen Ländern, wird es heute Nacht Freudenfeiern und Glücksgefühle geben. Auch ich bin glücklich, sehr glücklich, aber ich kann nicht lachen.

Ich kann nicht lachen, weil ich diese Jahre voller Terror, Verlust und Tod nicht vergessen kann. Ich kann nicht lachen, weil der Krieg uns so viel unwiederbringlich geraubt hat: die Zukunft, die wir uns vorgestellt hatten; Menschen, die wir liebten; unsere schöne Stadt – und noch so viel mehr. Und Vati? Wo ist er? Wann kommt er zurück? Ich bete, dass es nie wieder Krieg gibt, und dass spätere Generationen vor den Gräueln verschont bleiben, die wir erlebt haben. Friedensglocken läuten. Ich gehe ans Fenster und schaue auf die Ruinen von Würzburg. Tränen steigen mir in die Augen. Ich weiß nicht, ob vor Trauer oder aus Dankbarkeit.“

So geht es mit den Fünf weiter

Die Kriegsopfer der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945

© 2015 Main-Post

Autor:
Roland Flade

Konzeption:
Roland Flade, Julia Haug, Lara Meißner

Umsetzung:
Catharina Hettiger, Julia Haug, Lara Meißner, Julian Mittnacht, Sebastian Schuster

Fotos:
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Titelbild: Zerstörte Domstraße, Foto: Carl Lamb), Roland Flade, Silvio Galvagni, Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein Würzburg e.V., Hans Heer, Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur Würzburg (Material John Schwabacher), Mainfränkisches Museum, Theresa Müller, Klaus Oehrlein, Thomas Obermeier, Walter Röder, Sammlung Charlotte Ambrosch, Sammlung Willi Dürrnagel, Sammlung Verne Fuchs, Sammlung Georg Götz, Sammlung Ortrun Scheumann, Sammlung Alexander Kraus (Farbfotos 1943), Stadtarchiv Würzburg, Würzburger Chronik

Sprecher:
Kilian Flade, Roland Flade, Constantin Ganter, Markus Hammer, Angelika Kleinhenz, Dorina Mazetti, Maria Schwab

Video:
Markus Hammer, Christoph Weiß

Sonstige:
Lena Berger, Rosa Albrecht

Zum Weiterlesen:

Roland Flade (Hrsg.), “Zukunft, die aus Trümmern wuchs. 1944 bis 1960: Würzburger erleben Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“, 336 Seiten, zahlr. farbige und Schwarzweiß-Abb., Würzburg (Main-Post) 2009, 16,95 Euro. Erhältlich im Main-Post-Shop

Roland Flade (Hrsg.), “Meine Jugend in Würzburg. Mit Texten von Werner Dettelbacher, Greta Brehm, Joachim Schlotterbeck, Gertrud Hinterberger, Helmut Försch und vielen anderen“, 272 Seiten, zahlr. Abb., Würzburg (Main-Post) 2000, 9,95 Euro. Erhältlich im Main-Post-Shop

Hermann Knell, “Untergang in Flammen. Strategische Bombenangriffe und ihre Folgen im Zweiten Weltkrieg” (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 12), 340 Seiten, zahlr. Abb., Würzburg (Schöningh-Verlag) 2006, 14,90 Euro.

Würzburger Chronik des denkwürdigen Jahres 1945“, herausgegeben von Dr. Hans Oppelt im Auftrage des Stadtrates Würzburg, Neuauflage des ursprünglich 1947 erschienenen Bandes, mit mehreren Abb., einem Namensverzeichnis der identifizierten Würzburger Bombenopfer und einer Karte, die den Zerstörungsgrad der Straßen zeigt,  256 Seiten, Würzburg (Schöningh-Verlag) 1995, 5 Euro.

Auf seiner Facebook-Seite “Würzburg vor 70 und 100 Jahren” veröffentlicht Roland Flade täglich Augenzeugenberichte aus dem März 1945.

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